Ärztemangel oder selbstgemachtes Elend? | Ärzteblatt Sachsen | Heft 7/2018

Selbstverwaltung ruft nach jungen Kollegen

Der Basso continuo aller berufspolitischen Diskussionen lau- tet: Ärztemangel! Es ist das zentrale Thema der Gesund- heitspolitik. Es ist die politisch korrekte Grundierung allen Denkens. Aber gibt es ihn, diesen Mangel? Unzweifelhaft: Wir haben im JetZiGeN System einen eklatanten Ärztemangel! Wenn wir allerdings 1. die Sinnhaftigkeit der immer weiteren Diversifizierung der Fachärzteschaft hinterfragen, wenn wir 2. eine strenge Indikationsqualität pflegten, wenn wir 3. trennen würden zwischen dem Machbaren, dem Möglichen, der Sinnhaftigkeit ärztlichen Handelns. Wenn wir uns 4. lösten von uniformer qualitätsunabhängiger Honorierung, wenn wir 5. die jahrzehntedauernde fruchtlose merkantil intendierte Diskussion über sektorübergreifendes Handeln beendeten, wenn wir 6. unsere misstrauensgeprägten Abrechnungssystematiken ändern würden, wo Menge wich- tiger wurde als Inhalte, wenn wir 7. den Begriff Krankheit im SGB V definierten, mehr Gesundheitserhalt fördern würden, und damit 8. nicht mehr jede Befindlichkeitsstörung über das Solidarsystem behandelten, und wenn wir 9. die miss- trauensinduzierte alles erstickende Bürokratie reduzierten sowie 10. endlich den Player im Spiel, den Patienten, der als Verbraucher aus wahltaktischen Gründen einzig ungescho- ren bleibt, mit vernünftiger Eigenverantwortung in die Pflicht nähmen. Wenn wir also ein anderes, zeitgerechteres Versor- gungssystem installierten, dann wäre zu vermuten, dass wir nicht zu wenige Ärzte sondern vielleicht gar zu viele hätten.

Um einen solchen Systemwechsel zu erzwingen, bedarf es eines besonderen Engagements. Engagement der Wissen- den und Kennenden. Das ist naturgegeben nicht bei Politi- kern zu finden – zumindest in der Breite. Engagement setzt Hunger voraus. Hunger auf Veränderung von Zuständen und Rahmenbedingungen, Gestaltungsmacht. Im historischen Kontext haben wir eigentlich alles, wofür frühere Ärztegene- rationen kämpften, erreicht. Wir liegen unangefochten im Image- und Wohlstandsranking vorne. Wir sind als Berufs- stand, inzwischen leider ohne Standesgefühl, ein starker Berufsstand.

Aber es droht Ungemach. Existenzieller. Es besteht eine Dis- soziierung einerseits in unserer Wahrnehmung des selbst- empfundenen Status als Arzt und seiner Wirkmächtigkeit und andererseits der objektiven digitalinduzierten Verände- rungen durch diese Transformation der Gesellschaft. Diese digitale Transformation zwingt uns aktiv und schnell zum Mitgestalten. Um den Preis der Bedeutungslosigkeit und Einreihung in allgemeine Dienstleister mit Statusverlust. Das zwingt uns vielmehr als bisher auf junge Kollegen zu bauen, wobei „jung“ nicht zwingend kalendarisch gemeint ist. Die meisten Akteure der Selbstverwaltung und der Gremien sind Kollegen, die im Laufe langen Ärztedaseins ihre Sozialisie- rung erfuhren, zu respektablen Wohlstand fanden und am Ende durch ein gewisses Maß an Valenzen und Vakanzen Berufspolitik zu gestalten bereit waren. Die aber ihren berufspolitischen Blick in den letzten Jahrzehnten geschärft haben, also naturgemäß die drängendsten Fragen der neuen Zeit vielleicht erkennen, aber oft nicht zukunftsadäquate Lösungen anbieten.

Junge Ärzte haben die Möglichkeit, die Trampelpfade der Erfahrung aus der Vergangenheit zu verlassen, sich auch der in der Berufspolitik breitmachenden political correctness zu verweigern, die die Leitplanken des Sagbaren immer mehr dem Mittelstreifen annähert. Und damit auch das freie Den- ken einschränkt. Deswegen ist es unendlich wichtig, auch junge Kollegen zu motivieren, in der ärztlichen Selbstverwal- tung zu agieren. Deswegen brauchen wir in Krankenhaus und in Praxen die Kultur, dass wir dieses Engagement nicht als Freizeitvergnügen und Privatsache abtun, sondern als originale berufliche Tätigkeit vermitteln und Raum geben, sich dort zu verwirklichen. Ein solches Tun kann kein Rest- posten der Freizeit oder des Privatvergnügens sein. Es ist ein Gestaltungsauftrag für uns alle.

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